Werkstatt für kollegiale Führung
Ideen und Praktiken für die agile Organisation von morgen

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Bernd Oestereich

Impulsgeber für kollegial geführte Organi­sationen mit Erfahrung als Unternehmer seit 1998. Sprecher und Autor inter­national verlegter Bücher.
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Unter­schie­de Mensch zu KI

KI und Men­schen haben unter­schied­li­che Qua­li­tä­ten von Ver­ste­hen, Den­ken, Ler­nen, Ver­hal­ten, zeit­li­cher Exis­tenz und Welt­bild. Kann KI den­ken? Ist KI intel­li­gent? Die Ant­wor­ten lau­ten nicht ja oder nein, son­dern: in unter­schied­li­chen Qua­li­tä­ten. Die­se wer­den im fol­gen­den Bei­trag erläu­tert.

Aus­gangs­the­se ist: KI und Men­schen haben unter­schied­li­che Qua­li­tä­ten von

  • Ver­ste­hen (kau­sal, kör­per­lich, hand­lungs­lei­tend statt kor­re­lie­ren­des, struk­tu­rel­les Bedeu­tungs- ver­ste­hen),
  • Den­ken (mit statt ohne exis­ten­zi­el­le Ver­an­ke­rung und Eigen­in­ter­es­sen),
  • Ler­nen (lang­sam wach­sen­des Welt­mo­dell statt hoch­ge­la­de­nes umfäng­li­ches Mus­ter­wis­sen),
  • Ver­hal­ten (psy­chi­sche und sozia­le Erwar­tun­gen statt tech­ni­sche Ziel­grö­ßen),
  • Zeit­lich­keit (geleb­te Kon­ti­nui­tät und Bio­gra­fie statt reak­ti­ve Zustands­lo­sig­keit) und
  • Art des Welt­bilds.

Men­schen (oder mensch­li­che Gehir­ne) und Sprach­mo­del­le las­sen sich nicht gleich­set­zen. Aber eben­so wür­de es zu kurz grei­fen, die Ähn­lich­kei­ten zu leug­nen.

Wenn wir KI ver­mensch­li­chen, hilft das nicht wei­ter, weil es eine unpas­sen­de Gleich­set­zung und da- mit Fehl­ein­schät­zung von Fähig­kei­ten indok­tri­niert. Die Reduk­ti­on von KI auf ein Werk­zeug ist eben­so ein Pro­blem, weil es men­schen­ähn­li­che Fähig­kei­ten leug­net.

Ähn­li­cher als gedacht – und doch grund­ver­schie­den

Para­do­xer­wei­se ist KI dem Men­schen in Bezug auf Den­ken und Intel­li­genz ähn­li­cher als klas­si­sche Com­pu­ter­pro­gram­me. Gera­de ihre asso­zia­ti­ve Arbeits­wei­se macht sie anschluss­fä­hig an mensch­li­che Denk­pro­zes­se. Gleich­zei­tig füh­ren das Feh­len eines bio­lo­gi­schen und sozia­len Sys­tems zu Unter­schie- den, die fun­da­men­ta­ler sind als jede tech­ni­sche Detail­fra­ge.

KI ist weder ein unvoll­kom­me­ner noch ein bes­se­rer Mensch

Wer KI ver­ste­hen will, muss sich von ver­trau­ten Denk­mo­del­len lösen. Vie­le gän­gi­ge Mythen beru­hen auf Kate­go­rien­feh­lern: KI wird ent­we­der wie klas­si­sche Soft­ware behan­delt oder wie ein unvoll­kom- mener Mensch. Bei­des ver­stellt den Blick.

Die eigent­li­che Her­aus­for­de­rung liegt dar­in, KI als eine neue Form von Akteu­rin in Orga­ni­sa­tio­nen zu begrei­fen – mit eige­nen Stär­ken, eige­nen Gren­zen und völ­lig ande­ren Vor­aus­set­zun­gen. Es geht nicht dar­um, KI zu ver­mensch­li­chen oder zu kon­trol­lie­ren, son­dern dar­um, Orga­ni­sa­tio­nen so zu gestal­ten, dass sie mit die­ser neu­en Form von Intel­li­genz ver­ant­wor­tungs­voll, wirk­sam und lern­fä­hig umge­hen kön­nen.

Art des Ver­ste­hens – das bio­lo­gi­sche Sys­tem

Die wirk­lich grund­le­gen­den Unter­schie­de zwi­schen mensch­li­cher und künst­li­cher Intel­li­genz lie­gen nicht im Den­ken, son­dern in der Ein­bet­tung in ein bio­lo­gi­sches Sys­tem. Men­schen sind untrenn­bar mit ihrem Kör­per ver­bun­den. Wahr­neh­mung, Emo­tio­nen, Bedürf­nis­se, Ler­nen und Ver­hal­ten sind Ergeb­nis kom­ple­xer Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen bio­lo­gi­schem, psy­chi­schem und sozia­lem Sys­tem.

Inso­fern ist die Art Ver­ste­hens von Men­schen und KI unter­schied­lich. Men­schen haben Welt­mo­del­le, die in Wahr­neh­mung, Kör­per, Hand­lung und Selbst ein­ge­bet­tet sind, ihr Ver­ste­hen ist ver­kör­pert. KI hat Welt­mo­del­le, die in Spra­che (vor allem Text, aber auch Bil­der, For­men, Töne, Sym­bo­le u. A.) ein­ge­bet­tet sind, ihr Ver­ste­hen ist sprach­lich-sym­bo­lisch.

Men­schen (und vie­le ande­re Lebe­we­sen) wer­den geprägt durch Wahr­neh­mung, Kör­per und Erfah­rung. KI wird geprägt durch Daten, Struk­tur und Trai­ning. Men­schen ver­ar­bei­ten Daten mul­ti­sen­so­risch, KI-Sprach­mo­del­le nur sprach­lich. Wir Men­schen ver­ste­hen und ler­nen „heiß” nicht nur sprach­lich und kogni­tiv, son­dern eben auch kör­per­lich durch Schmerz und eine umfas­sen­de Welt­erfah­rung.

Ein Sprach­mo­dell kann Zusam­men­hän­ge erklä­ren, aber es hat zunächst kein Sys­tem, das dar­aus Hand­lun­gen ablei­tet (erst in Kom­bi­na­ti­on mit Schnitt­stel­len zu ande­ren Sys­te­men, wie bei KI-Agen­ten, aber auch dann nicht inte­griert wie bei Men­schen).

Mensch­li­che Model­le ent­hal­ten vie­le kau­sa­le Struk­tu­ren: Feu­er ver­ur­sacht Hit­ze, Hit­ze ver­ur­sacht Schmerz, Schmerz ver­ur­sacht Rück­zug. Sprach­mo­del­le ler­nen pri­mär, wel­che Aus­sa­gen zusam­men vor­kom­men und kön­nen kau­sal dar­über spre­chen, aber sie haben kei­ne direk­te Erfah­rung kau­sa­ler Zusam­men­hän­ge. Das ist auch der Grund, war­um KI manch­mal phy­si­ka­lisch fal­sche Aus­sa­gen machen oder nai­ve All­tags­feh­ler zei­gen. Oder anders: Men­schen ver­fü­gen über ein hand­lungs­ge­bun­de­nes Welt­ver­ste­hen, KI über ein struk­tu­rel­les Bedeu­tungs­ver­ste­hen.

Um den men­schen­ty­pi­schen Welt­be­zug auch KI zu ermög­li­chen, wer­den KI-Model­le zuneh­mend hier­zu geziel­ter trai­niert (mul­ti­mo­dal), aber es bleibt man­gels Kör­per­lich­keit ein struk­tu­rel­les Bedeu­tungs­ver­ste­hen.

Mit KI-Agen­ten­sys­te­men haben auch KI-Sprach­mo­del­le ein Hand­lungs­sys­tem, sie kön­nen Werk­zeu­ge und Schnitt­stel­len benut­zen, Code aus­füh­ren und im Inter­net han­deln. Das damit mög­li­che hand­lungs­ge­bun­de­ne Welt­ver­ste­hen bleibt aber begrenzt auf die Benut­zung und Beob­ach­tung exter­ner Werk­zeu­ge.

Robo­ti­sche KI erwei­tert dann auch dies durch Sen­so­rik (Kame­ra, Kraft­sen­so­ren, Posi­ti­on), Moto­rik (Grei­fer, Räder, Arme), Echt­zeit­steue­rung und Feed­back­schlei­fen. Dadurch ent­steht, was rei­ne Sprach­mo­del­le nicht haben: Kau­sal­ver­ständ­nis durch Erfah­rung, phy­si­ka­li­sches Ler­nen, Feh­ler durch rea­le Inter­ak­ti­on und Ziel­ver­fol­gung in der Umwelt. Hier beginnt ver­kör­per­te Intel­li­genz.

Den­noch: KI kennt kein Kör­per­ge­fühl, kei­nen Schmerz, kei­ne Erschöp­fung. Sie hat kei­ne eige­nen Bedürf­nis­se, kei­ne Trie­be, kei­nen Über­le­bens- oder Fort­pflan­zungs­drang. Hor­mo­nel­le Schwan­kun­gen, Hun­ger, Käl­te, Krank­hei­ten oder bio­lo­gi­sche Fehl­funk­tio­nen exis­tie­ren für sie nicht. Sie sind nicht leben­dig.

Damit fehlt KI auch die Grund­la­ge für ein psy­chi­sches Sys­tem, wie wir es beim Men­schen ken­nen. Ängs­te, sozia­le Unsi­cher­hei­ten, Loya­li­täts­kon­flik­te oder Zuge­hö­rig­keits­be­dürf­nis­se ent­ste­hen aus der Abhän­gig­keit von ande­ren und aus der Ver­letz­lich­keit des eige­nen Kör­pers. Eine KI kann sol­che Erfah­run­gen nicht machen – und sie wird sie auch nicht ent­wi­ckeln. Sie kann allen­falls aus den Berich­ten von Men­schen dar­über abs­trakt ler­nen.

Die Art des Ler­nens – die Infor­ma­ti­ons­ba­sis

Men­schen bau­en Wis­sen (beglei­tet durch kör­per­li­che Erfah­run­gen) über ihre gesam­te Lebens­zeit kon­ti­nu­ier­lich und bio­gra­fisch auf. KI-Sprach­mo­del­le wer­den mit einem bestimm­ten Stand (Stich­tag) digi­tal ver­füg­ba­rer Infor­ma­tio­nen trai­niert und haben an sich kei­ne per­sis­ten­te Erin­ne­rung über Gesprä­che hin­aus.

Wie im vori­gen Teil beschrie­ben, ler­nen und den­ken Men­schen auf­grund ihres bio­lo­gi­schen Sys­tems selbst­be­zo­gen, kör­per­lich ein­ge­bun­den und mit einem hand­lungs­lei­ten­den kau­sa­len Welt­mo­dell. Das Wis­sen wur­de über län­ge­re Zeit und beglei­tet durch kör­per­li­che Erfah­run­gen auf­ge­baut. Es ist daher in der Men­ge begrenzt und wird wäh­rend ihrer Lebens­zeit fort­wäh­rend auf­ge­baut. Men­schen ent­wi­ckeln dafür sogar ihr Gehirn struk­tu­rell und funk­tio­nal wei­ter (Neu­ro­plas­ti­zi­tät). Und wenn man epi­ge­ne­ti­schen The­sen folgt, kön­nen über Gene in begrenz­tem Umfang auch Erfah­run­gen und Prä­gun­gen vor­he­ri­ger Gene­ra­tio­nen wei­ter­wir­ken.

Sprach­mo­del­le hin­ge­gen wer­den mit sehr gro­ßen Daten­men­gen trai­niert und ver­fü­gen dadurch über eine brei­te­re Struk­tur von Wis­sen und Mus­tern. Sie kön­nen quan­ti­ta­tiv mehr wis­sen und dadurch ein grö­ße­res Begriffs­ver­ständ­nis zei­gen. Das Trai­ning von neu­ro­na­len Net­zen ist zwar zeit­auf­wän­dig und rechen­in­ten­siv, nichts­des­to­trotz aber quan­ti­ta­tiv um Grö­ßen­ord­nun­gen mäch­ti­ger als mensch­li­ches Ler­nen.

Das Wis­sen von Sprach­mo­del­len ist zeit­lich begrenzt. Infor­ma­tio­nen, die nach dem Trai­nings­zeit­punkt ent­stan­den sind, feh­len und müs­sen über ande­re Mecha­nis­men (die anders funk­tio­nie­ren und wir­ken, bspw. RAG) nach­ge­la­den wer­den. Auch ist das Wis­sen auf digi­ta­li­sier­te Infor­ma­tio­nen begrenzt. Was nicht gescannt, foto­gra­fiert oder ander­wei­tig gespei­chert wur­de, ist nicht ver­füg­bar.

Die Art des Ver­hal­tens (die Ziel­grö­ßen)

Men­schen und KI sind auf ganz unter­schied­li­che Zie­le aus­ge­rich­tet und das prägt die Art des Ver­hal­tens. Men­schen han­deln nicht ein­fach logisch, son­dern in kom­ple­xen Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen psy­chi­schen, bio­lo­gi­schen und sozia­len Sys­te­men. Ihr Ver­hal­ten wird durch Bedürf­nis­se, Gefüh­le, Erfah­run­gen und sozia­le Erwar­tun­gen geprägt. Men­schen haben einen Lebens­kon­text, der ihre Reak­tio­nen formt. Mensch­li­ches Ver­hal­ten ist grund­le­gend rela­tio­nal geprägt, also durch Zuge­hö­rig­keit, Aner­ken­nung und Loya­li­tät.

KI-Sys­te­me (Sprach­mo­del­le und ihre Erwei­te­rungs­tech­ni­ken) wird hin­ge­gen auf tech­nisch defi­nier­te Ziel­grö­ßen opti­miert. Ein Sprach­mo­dell wird bei­spiels­wei­se dar­auf trai­niert, pas­sen­de Wort­fol­gen vor­her­zu­sa­gen, Feh­ler zu mini­mie­ren und Ant­wor­ten zu erzeu­gen, die von Men­schen bevor­zugt wer­den. Ein Sprach­mo­dell hat kei­ne Bezie­hun­gen, die es moti­vie­ren oder belas­ten.

Men­schen­ähn­li­che Ant­wor­ten sind hier also kein intrin­si­sches Bedürf­nis, son­dern eine vor­ge­ge­be­ne Ziel­grö­ße des Trai­nings. Ein Sprach­mo­dell lernt nicht Wahr­heit, son­dern (beim RLHF-Trai­ning, Rein­force­ment Lear­ning from Human Feed­back) das, wofür sie Punk­te bekommt.

Die bio­lo­gi­sche Ein­bet­tung des mensch­li­chen neu­ro­na­len Net­zes führt auch zu bio­lo­gisch ori­en­tier­ten Opti­mie­run­gen. Unge­fähr 20 Pro­zent des mensch­li­chen Ener­gie­ver­brau­ches ent­fal­len auf das Gehirn. Unse­re Ener­gie ist begrenzt und so ent­stan­den evo­lu­tio­när ver­schie­de­ne Opti­mie­run­gen, bis hin zur Auf­tei­lung der ver­schie­de­nen Gehirn­be­rei­che. Wir haben dafür zahl­rei­che Abkür­zun­gen im Den­ken und der Ver­ar­bei­tung von Sin­nes­ein­drü­cken ent­wi­ckelt.

KI-Sys­te­me sind zwar auch ener­gie­in­ten­siv und wer­den auch zuneh­mend (von den KI-Anbie­ten­den) opti­miert, jedoch nicht getrie­ben von eige­nen Bedürf­nis­sen, son­dern aus wirt­schaft­li­chen Grün­den der Rechen­zen­trums­be­trie­be.

Das Ziel­aus­rich­tungs­pro­blem

Als Ziel­aus­rich­tungs­pro­blem bezeich­nen wir die Schwie­rig­keit, Sprach­mo­del­le so zu trai­nie­ren, dass ihre tat­säch­li­chen Opti­mie­rungs­zie­le mit den beab­sich­tig­ten mensch­li­chen Zie­len über­ein­stim­men. Da Sprach­mo­del­le immer auf mess­ba­re Ersatz­grö­ßen trai­niert wer­den, besteht das Risi­ko, dass sie die­se Ersatz­grö­ßen auch auf Kos­ten des eigent­li­chen Zwecks maxi­miert.

Ein Sys­tem, das auf Kun­den­zu­frie­den­heits­be­wer­tun­gen trai­niert wird, lernt, hohe Bewer­tun­gen zu erzeu­gen. Ob die zugrun­de­lie­gen­de Qua­li­tät stimmt, ist eine ande­re Fra­ge. Ein Sys­tem, das Klick­zah­len opti­miert, lernt, Auf­merk­sam­keit zu erzeu­gen, nicht unbe­dingt Nut­zen. Die Ziel­grö­ße und das eigent­li­che Ziel sind sel­ten das­sel­be (vgl. Good­harts Gesetz). Je wei­ter sie aus­ein­an­der­lie­gen, des­to mehr kann eine gut funk­tio­nie­ren­de KI in die fal­sche Rich­tung lau­fen, und zwar zuver­läs­sig und in gro­ßem Maß­stab.

Art der Exis­tenz – Zeit­lich­keit und Kon­ti­nui­tät

Men­schen exis­tie­ren als kon­ti­nu­ier­li­che Sub­jek­te über die Zeit – mit Bio­gra­fie, Gedächt­nis, Ent­wick­lung und Sterb­lich­keit. KI hat kei­ne Kon­ti­nui­tät zwi­schen Sit­zun­gen, kein per­sis­ten­tes Gedächt­nis und kei­ne Sterb­lich­keit.

Ein Mensch ist immer da, auch wenn er gera­de nichts tut. Er schläft, träumt, ver­ar­bei­tet, altert. Sein Gehirn arbei­tet wei­ter, auch ohne exter­ne Ein­ga­be. Erleb­nis­se set­zen sich fest, Erin­ne­run­gen for­men sich um, Erfah­run­gen rei­fen nach. Bio­gra­fie ist nicht nur die Sum­me bewuss­ter Ent­schei­dun­gen, son­dern das Ergeb­nis eines kon­ti­nu­ier­li­chen Pro­zes­ses, der nie pau­siert.

Ein Sprach­mo­dell hin­ge­gen exis­tiert nur in dem Moment, in dem es auf­ge­ru­fen wird. Ohne exter­ne Ein­ga­be ist es schlicht nicht aktiv – nicht war­tend, nicht träu­mend, nicht nach­den­kend. Es gibt kein Dazwi­schen. Was außer­halb einer Sit­zung geschieht, bleibt für das Sprach­mo­dell unsicht­bar. Es hat kei­ne geleb­te Geschich­te, die in die nächs­te Inter­ak­ti­on hin­ein­strahlt. Jede neue Unter­hal­tung beginnt bei null, es sei denn, Gedächt­nis wird ihm von außen zuge­führt, etwa durch expli­zit über­ge­be­ne Kon­text­in­for­ma­tio­nen oder tech­ni­sche Spei­cher­me­cha­nis­men. Und wenn ein Sprach­mo­dell im Hin­ter­grund schein­bar eigen­stän­dig arbei­tet, wur­de es auch nur tech­nisch auf­ge­ru­fen durch eine Ein­ga­be von einem Men­schen oder einen ande­ren KI-Agen­ten. Das ist kein Ver­gleich mit dem mensch­li­chen Träu­men.

Damit fehlt Sprach­mo­del­len auch jede inne­re Zeit­wahr­neh­mung. Sie spürt kei­nen Zeit­druck, kennt kei­ne Lan­ge­wei­le, emp­fin­det kei­ne Unge­duld. Wenn sie wis­sen möch­te, wie spät es ist, muss sie einen exter­nen Dienst befra­gen. Men­schen hin­ge­gen erle­ben Zeit kör­per­lich: als Drän­gen, als Erschöp­fung, als Vor­freu­de, am Son­nen­stand, als das unan­ge­neh­me Gefühl, dass die Dead­line näher rückt. Zeit­druck ist kei­ne abs­trak­te Infor­ma­ti­on, son­dern eine spür­ba­re Erfah­rung.

Die­se feh­len­de Zeit­lich­keit hat prak­ti­sche Kon­se­quen­zen. Ein KI-Sys­tem ent­wi­ckelt kein insti­tu­tio­nel­les Gedächt­nis aus eige­nem Erle­ben, kann kei­ne Bezie­hun­gen über Zeit auf­bau­en und kennt kei­ne Loya­li­tät, die sich aus gemein­sa­mer Geschich­te speist. Sie lernt nicht aus ver­gan­ge­nen Feh­lern in einer Wei­se, die sich spon­tan in die nächs­te Sit­zung über­trägt.

Gleich­zei­tig bedeu­tet die feh­len­de Zeit­wahr­neh­mung eine bemer­kens­wer­te Stär­ke: KI ist nie müde, nie abge­lenkt durch das, was gera­de noch pas­siert ist, nie unge­dul­dig, weil die Mit­tags­pau­se naht. Wo Men­schen in Zeit­druck schlech­ter ent­schei­den, ist KI davon unbe­rührt, vor­aus­ge­setzt, die not­wen­di­gen Infor­ma­tio­nen und aus­rei­chend Strom sind vor­han­den.

Art des Welt­bilds – struk­tu­rel­le Vor­ein­ge­nom­men­heit

Sprach­mo­del­le ler­ne aus dem, was Men­schen pro­du­ziert haben und das bedeu­tet zugleich, dass Sprach­mo­del­le auch das ler­nen, was Men­schen falsch gemacht, über­se­hen oder sys­te­ma­tisch aus­ge­blen­det haben. Wer eine KI mit der Ver­gan­gen­heit trai­niert, bekommt eine KI, die die Ver­gan­gen­heit für nor­mal hält.

Men­schen ent­wi­ckeln ihr Welt­bild durch Erfah­rung, Refle­xi­on und sozia­le Kor­rek­tur. Eine Per­son, die mit ste­reo­ty­pen Vor­ur­tei­len auf­ge­wach­sen ist, kann die­se durch Bil­dung, Begeg­nung und Wider­spruch hin­ter­fra­gen und ver­än­dern. Sprach­mo­del­le sind nach dem Trai­ning ein­ge­fro­ren. Sie kor­ri­gie­ren sich nicht durch Erfah­rung, sie repro­du­zie­ren mit aller Vor­ein­ge­nom­men­heit, was in den Daten steckt.

Die­se struk­tu­rel­le Eigen­schaft heißt Trai­nings­da­ten-Bias: die sys­te­ma­ti­sche Ver­zer­rung von KI-Aus­ga­ben durch ver­zerr­te, unvoll­stän­di­ge oder his­to­risch gefärb­te Trai­nings­da­ten.

Wie Bias ent­steht und war­um er so schwer zu sehen ist

Stel­len wir uns vor, ein Unter­neh­men trai­niert ein Sprach­mo­dell zur Vor­auswahl von Bewer­bun­gen. Die Trai­nings­da­ten sind die Ein­stel­lungs­ent­schei­dun­gen der letz­ten zwan­zig Jah­re. In die­sen zwan­zig Jah­ren wur­den in tech­ni­schen Füh­rungs­po­si­tio­nen über­pro­por­tio­nal Män­ner ein­ge­stellt. Nicht weil Frau­en weni­ger geeig­net waren, son­dern weil Struk­tu­ren, Netz­wer­ke und Vor­ur­tei­le das so pro­du­zier­ten. Das Modell lernt die­sen Zusam­men­hang. Es lernt nicht: „Män­ner sind bes­ser.“ Es lernt: „Wenn jemand ein­ge­stellt wur­de, dann sah das Pro­fil meis­tens so aus.“ Und es wen­det die­se Erkennt­nis auf neue Bewer­bun­gen an. Das Ergeb­nis ist (die Fort­set­zung von) Dis­kri­mi­nie­rung – ohne böse Absicht, ohne Bewusst­sein, mit hoher Geschwin­dig­keit und schein­ba­rer Objek­ti­vi­tät.

Das Tücki­sche dar­an ist, dass die KI-Aus­ga­ben objek­tiv wir­ken. Zah­len, Ran­kings und Emp­feh­lun­gen kom­men ohne Kör­per­spra­che, ohne Unsi­cher­heit und ohne den mensch­li­chen Unter­ton daher, der ver­rät, dass hier ein Vor­ur­teil am Werk ist. Dadurch ist Vor­ein­ge­nom­men­heit in KI-Aus­ga­ben schwe­rer zu ent­de­cken als in mensch­li­chem Ver­hal­ten.

Wel­che Grup­pen betrof­fen sind

Die Vor­ein­ge­nom­men­heit betrifft nicht einen ein­zel­nen Aspekt. Sie tritt auf bei Geschlecht, Her­kunft, Haut­far­be, Spra­che, Alter und Behin­de­rung. Sie ver­stärkt sich, wenn meh­re­re Merk­ma­le zusam­men­tref­fen. Ein Sprach­mo­dell begeg­net einer schwar­zen Frau aus einer ein­kom­mens­schwa­chen Regi­on anders, als einem wei­ßen Mann aus einer Groß­stadt. Nicht, weil das fair oder unfair wäre, son­dern weil die Trai­nings­da­ten die­se Ungleich­heit abbil­den. Die­se Ver­schrän­kung meh­re­rer Ungleich­heits­di­men­sio­nen nennt man Inter­sek­tio­na­li­tät.

Was das für Orga­ni­sa­tio­nen bedeu­tet

Für Orga­ni­sa­tio­nen bedeu­tet das: Wer KI-Sys­te­me direkt oder indi­rekt für Ent­schei­dun­gen ein­setzt, die Men­schen betref­fen, also bei­spiels­wei­se Ein­stel­lun­gen, Beför­de­run­gen, Kre­dit­ver­ga­ben oder Leis­tungs­be­wer­tun­gen, trägt Ver­ant­wor­tung dafür, dass die­se Sys­te­me kei­ne struk­tu­rel­len Benach­tei­li­gun­gen ver­stär­ken. Die­se Ver­ant­wor­tung lässt sich nicht an den Anbie­ter dele­gie­ren.

Es gibt kei­ne bias­freie KI. Wer das ver­spricht, lügt oder irrt sich. Was es gibt, sind unter­schied­li­che Gra­de von Trans­pa­renz, Über­prüf­bar­keit und Bereit­schaft zur Kor­rek­tur. Orga­ni­sa­tio­nen kön­nen allen­falls kon­kre­te Fra­gen stel­len: Auf wel­chen Daten wur­de die­ses Modell trai­niert? Für wel­che Bevöl­ke­rungs­grup­pen wur­de es getes­tet? Gibt es unab­hän­gi­ge Bias-Audits? Wie wird mit bekannt gewor­de­nen Ver­zer­run­gen umge­gan­gen?

Und sie soll­ten ihre eige­nen KI-gestütz­ten Ent­schei­dungs­pro­zes­se regel­mä­ßig auf Mus­ter prü­fen: Wer­den bestimm­te Grup­pen sys­te­ma­tisch anders bewer­tet? Ent­ste­hen blin­de Fle­cken, die vor­her nicht da waren?

Das ist eine Füh­rungs­auf­ga­be, die nicht an eine zen­tra­le Stel­le dele­giert wer­den kann, son­dern in die Rol­len und Teams gehört, die KI tat­säch­lich ein­set­zen.

Ori­gi­na­ler Gestal­tungs­wil­le oder gefäl­li­ge Anschluss­fä­hig­keit?

Eine Unter­schei­dung, die etwas von dem “Art von […]”-Sche­ma abweicht und des­we­gen jetzt erst kommt, ist die zwi­schen Anschluss­fä­hig­keit und Ori­gi­na­li­tät. Es geht um Unter­schei­dung zwi­schen dem ori­gi­na­len Gestal­tungs­wil­len eines Men­schen oder den KI-Mög­lich­kei­ten. Sie betref­fen zwei Arten von Auf­ga­ben:

  • Auf­ga­ben der Anschluss­fä­hig­keit: Das Her­stel­len von Ver­bin­dun­gen, Les­bar­keit, Brei­te und Per­spek­ti­ven­viel­falt. Hier sind Sprach­mo­del­le stark, weil sie genau das kon­den­siert haben: was Men­schen wie aus­drü­cken, wie Gedan­ken übli­cher­wei­se zusam­men­hän­gen, wel­che Per­spek­ti­ven zu einem The­ma exis­tie­ren. Sprach­mo­del­le sind trai­niert mit dem Wis­sen der Welt, sie kön­nen daher typi­scher­wei­se viel mehr Quer­ver­bin­dun­gen und For­mu­lie­rungs­al­ter­na­ti­ven erken­nen als Men­schen.  Ver­ständ­li­che Spra­che erzeu­gen, Per­spek­ti­ven simu­lie­ren, Mus­ter erken­nen und Main­stream-For­mu­lie­run­gen lie­fern sind genau das, was vie­le Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Ana­ly­se­auf­ga­ben in Orga­ni­sa­tio­nen ver­lan­gen.
  • Auf­ga­ben der Ori­gi­na­li­tät: Das Erzeu­gen von etwas, das aus einer spe­zi­fi­schen, unver­wech­sel­ba­ren Absicht her­aus ent­steht und genau die­se Wahl trifft, nicht die wahr­schein­lichs­te. Hier ver­sagt ein Sprach­mo­dell nicht aus Unver­mö­gen, son­dern aus struk­tu­rel­len Grün­den: Ein Sprach­mo­dell hat kei­ne eige­ne Inten­tio­na­li­tät, die eine Wahl begrün­det, nur vor­ge­ge­be­ne Ziel­grö­ßen und eine Wahr­schein­lich­keits­ver­tei­lung über mög­li­che Fort­set­zun­gen.

Wo wird das sicht­bar?

Mus­ter­er­ken­nung und Quer­be­zü­ge: Dies ist eine Stär­ke von Sprach­mo­del­len, weil das Modell Mil­lio­nen von Tex­ten gese­hen hat und Mus­ter akti­viert, die ein ein­zel­ner Mensch in sei­ner begrenz­ten Lek­tü­re nicht auf­ge­baut hat. Das ist kei­ne Intel­li­genz­leis­tung im mensch­li­chen Sin­ne, aber eine ech­te Kom­pe­tenz: Ähn­lich­kei­ten, Ana­lo­gien, Prä­ze­denz­fäl­le fin­den. Ein Rechts­do­ku­ment auf Klau­seln prü­fen, die in ande­ren Bran­chen als ris­kant gel­ten, da ist das Modell stark.

Das Mit­tel­maß als Fea­ture, nicht als Bug: Das ist ein wich­ti­ger Punkt, der oft miss­ver­stan­den wird. In vie­len Kon­tex­ten will man das Mit­tel­maß: ver­ständ­li­che Spra­che, erwart­ba­re Struk­tur, anschluss­fä­hi­ge For­mu­lie­run­gen. Eine Betriebs­an­lei­tung, ein Zusam­men­fas­sungs­text, eine E‑Mail an Kun­den – hier ist Main­stream und Durch­schnitt die rich­ti­ge Lösung. Das Modell ist hier struk­tu­rell im Vor­teil gegen­über den Spe­zia­lis­tin­nen, der zu nah am Fach ist.

Per­spek­ti­ven­wech­sel auf Bestel­lung: Das Modell kann eine femi­nis­ti­sche Lese­rin simu­lie­ren, eine skep­ti­sche Con­trol­lerin, eine tech­nisch uner­fah­re­ne Nut­ze­rin. Es hat die­se Per­spek­ti­ven kon­den­siert. Das ist nicht das­sel­be wie eine ech­te Per­spek­ti­ve ein­zu­neh­men, aber für vie­le prak­ti­sche Zwe­cke wie Tex­te gegen­le­sen, blin­de Fle­cken auf­de­cken oder Argu­men­te prü­fen funk­tio­niert es gut genug.

Wo bricht es zusam­men?

Künst­le­ri­sche und gestal­te­ri­sche Arbeit mit Eigen­an­spruch: Hier ist das Pro­blem nicht Qua­li­tät, son­dern Her­kunft und Ver­ant­wort­bar­keit der Wahl. Wenn eine Schrift­stel­le­rin ent­schei­det, einen Satz gram­ma­ti­ka­lisch kaputt zu schrei­ben, weil genau das die Wir­kung erzeugt, dann ist das eine begrün­de­te Abwei­chung vom Erwart­ba­ren. Das Modell kann die­se Abwei­chung imi­tie­ren, aber es kann sie nicht wol­len. Und der Unter­schied ist les­bar: KI-gene­rier­te Krea­ti­vi­tät hat oft eine selt­sa­me Glatt­heit, weil sie kei­ne ech­te Rei­bung kennt.

Hal­tung und mora­li­sche Posi­tio­nie­rung: Ein Modell kann eine Hal­tung for­mu­lie­ren, aber nicht ein­neh­men. Es kann einen Text schrei­ben, der femi­nis­tisch klingt, aber kei­ne femi­nis­ti­sche Pra­xis her­vor­brin­gen. In Orga­ni­sa­tio­nen, die auf Wer­te ange­wie­sen sind, die gelebt und nicht nur for­mu­liert wer­den, ist das eine ech­te Gren­ze.

Ori­gi­na­li­tät im star­ken Sin­ne: Ein Sprach­mo­dell rekom­bi­niert Bekann­tes. Das kann zu über­ra­schen­den Asso­zia­tio­nen füh­ren (das ist ein Wert), aber nicht zu ech­ten Brü­chen. Die Avant­gar­de in Kunst, Wis­sen­schaft und Stra­te­gie ent­steht durch radi­ka­le Abwei­chung vom Trai­nings­da­ten­strom. Dafür braucht es jeman­den, der außer­halb des Stroms steht.

Das Modell repro­du­ziert nicht nur Main­stream, es repro­du­ziert auch die Bia­ses sei­nes Trai­nings – sprach­lich, kul­tu­rell und poli­tisch. Wo das expli­zit genutzt wird (“schrei­be aus der Per­spek­ti­ve von X”), ist es hand­hab­bar. Wo es unbe­merkt pas­siert, ist es gefähr­lich. Ein Stra­te­gie­pa­pier, das mit LLM-Unter­stüt­zung geschrie­ben wird, kann sys­te­ma­tisch bestimm­te Denk­rich­tun­gen bevor­zu­gen, ohne dass das auf­fällt, weil nie­mand gefragt hat.

Was das für Ent­schei­dun­gen bedeu­tet

Die Ent­schei­dungs­fra­ge wäre dann: Gibt es eine rich­ti­ge Ant­wort, die jemand erken­nen und beur­tei­len kann? Oder gibt es eine eige­ne Ant­wort, die jemand ver­ant­wor­ten muss? Im ers­ten Fall hilft das Sprach­mo­dell. Im zwei­ten ist es eine Krü­cke, die den Weg zur eige­nen Ant­wort ver­stellt.

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